Freitag, 1. Juli 2016

Frühjahrsputz

Es ist gleich Mitternacht, das heißt, noch einmal schlafen und dann bekämpfen mein Freund und ich die 600 km lange Strecke von Kopenhagen nach Hause, bewaffnet mit Zelt, Campingkocher und GoPro.
Das norddeutsche, touristenfreundliche Wetter wird uns voraussichtlich mit sanftem, lieb gemeintem, aber trotzdem Mascara-verwischendem Regen segnen, sodass ich uns momentan vor meinem inneren Auge weniger als zwei ausgelassene, lachende Menschen auf locker leicht fahrenden Rädern sehe, sondern eher als zwei gelbe, triefend nasse gelbe Müllsäcke mit einem Loch für die zusammengekniffenen Augen, die einen schwer gepackten Haufen bedeckt mit einer ebenfalls triefen nassen Plane durch die Gegend ziehen, angestrengt keuchend und den Himmel verfluchend, und bei unserem Glück wahrscheinlich auch noch bergauf. 
Aber noch liege ich in meinem warmen, ruhigen, trockenen Bett in meiner nicht so aufgeräumten Wohnung und genieße die Ruhe vor dem Sturm.
Da dachte ich, kann man sich ja mal wieder melden.
So richtig mit Hallo, wie geht's, und so. 
Ich weiß gar nicht wirklich, wo ich jetzt anfangen könnte.
Es sind jetzt 890 Tage seit meiner A n r e i s e in Australien. 
Holy.
Nochmal zwei Jahre drauf und ich bin wieder da, laut meinen super perfekten Lebensplänen. 
(mein Papa sagt, ich bin naiv. Ich sag, ich bin optimistisch.)
In letzter Zeit verbringe ich viel Zeit damit, aufzuräumen. 
Nicht nur meine Wohnung, die schon viel aushalten musste, sondern auch meinen Kopf.
Im Januar habe ich mir zum ersten Mal wirklich von Herzen gewünscht, glücklich zu werden, und arbeite seither an meinem persönlichen Weltfrieden. 
Mit Schaufel, Spaten, Staubsauger und Besen bin ich am Handwerken, baue neue Räume für gute Gedanken und reiße andere Räume, in denen schlechte hausten, in Grund und Boden. 
Zumindest versuche ich es kontinuierlich und mit allen Kräften.
Lange stand ich vorher in Konflikt mit meinem Konflikt. 
2015 war ein sehr anstrengendes Jahr, in dem viel an mir und in mir leider vergessen hat, dass es etwas wert ist und dass es verdient, gut behandelt zu werden.
Ich bin nicht mehr schüchtern, zuzugeben, dass es mir nicht gut ging. Und ich möchte offen darüber sein, denn zu oft ist es mir begegnet, dass über so etwas nicht geredet wird, dass die Unzufriedenheit der Seele herabgesetzt wird, unter den Tisch geschoben, ignoriert, verstummt. 
Das kann man doch nicht so erzählen. 
Und wenn das jemand liest.
Ja, aber das geht doch nicht, das sollte man sich doch überlegen.
Und das ist doch aber schrecklich.
Ja, manchmal fühlt man sich schrecklich. 
Ja, manchmal ist die Welt, in der man stecken geblieben ist, schwarz und hässlich. 
Und folgendes kann ich nicht sagen, weil das eines dieser Wahrheiten ist, die alle immer meinen, predigen zu müssen, sondern weil das hier meine eigene Wahrheit ist; nichts ist für immer.
Leben heißt Wandel für mich. 
Veränderung, wie die Jahreszeiten wachsen und sterben, um wieder neu zu wachsen, anders, aber mit unaufhaltsamer Stärke und Kraft, so wie Wasser immer fließen wird, und nach Jahrzehnten, gar Jahrhunderten Gestein weicher und flacher schleift als jede Maschine es binnen Sekunden könne, so bin ich zu meinem nie vollendeten Projekt geworden.
Ich möchte lernen, zu reflektieren: lernen, friedlich zu sein gegenüber mir, meinen Gefühlen und denen, die mir die Welt vor die Füße wirft oder in die Hand legt. 
Diese Erkenntnis habe ich gewonnen, als ich einen Teil von mir verloren habe, letztes Jahr, zwischen schlaflosen Nächten und - ich wollte schreiben, nass geweinten Kissen, aber es gab keine nass geweinten Kissen, weil ich nicht weinen konnte - und so wurden die Tränen zu scharfen Glasperlen und haben sich wie eine Made von innen durch meinen Optimismus gefressen, und das Loch, was sie hinterließen, schluckte jegliche Positivät, Hoffnung, jeglichen Glaube an mich und schlussendlich mein Bewusstsein und meine Verantwortung für mein Leben. 
Das kann ich jetzt sagen, damals hab ich mich verzweifelt gesucht und dabei alles durcheinander gebracht. 
Das klingt jetzt alles so poetisch, eigentlich bin ich überhaupt kein Fan davon, Depressionen so zu romantisieren. Aber es ist so, dass dieser Weg der einzige ist, es überhaupt zu beschreiben. 
Es.
Was ist das?
Wer weiß das schon?
Eine dieser Kulturepidemien, die man heutzutage hat, so wie Laktoseintoleranz und Burnout? *Achtung Sarkasmus*
Darf ich mich überhaupt ernst nehmen? - war eine Frage, die ich mir oft gestellt habe, nachdem ich die dritte volle Stunde aus dem Fenster gestarrt hatte und mein Mut, weiterzumachen, mit mir verstecken gespielt hatte.
(Ich war noch nie gut im Suchen).
Was ist das auch, wenn man sich mit letzten Kräften im Deutschunterricht zusammenreißen kann, um, sobald meine Haustür ins Schloss fällt, in betörendsten Disharmonien zu weinen und zu schreien beginnt - ich konnte es nicht verstehen. 
Meine Eltern wollten es aber erklärt bekommen. 
Mein Freund wollte mir aber heraushelfen. 
(Meine Schule wollte es gerne ignorieren).
Meine Therapeutin ausführlich besprechen. 
Aber ich konnte es einfach nicht verstehen, und von allem war das das Beängstigendste. 
Ich möchte jetzt offen über das reden, was ich über das denke, was ich tue, und was andere tun, und was wir vielleicht alle anstelle dessen tun sollten. 
Hallo, ich bin ein Mensch auf dieser Erde, und ich denke nach. 
Ich bin lebendig, und ich möchte das Beste daraus machen, jeden Tag, jede Stunde. 
Dieses Jahr habe ich lange gebraucht, um den Staub von meiner Lunge zu wedeln, aber jetzt ist er weg und ich kann wieder atmen! 
Das verdient schonmal ein Ausrufezeichen. 
Am Ende wird alles gut, nicht wahr?
Warum nicht einfach mal dran glauben. 

Ich habe übrigens wieder eine Hausfliege.
Meine erste Hausfliege wohnte vor einem halben Jahr für eine Woche bei mir. 
Ich nannte sie Hugo. 
Er saß im Bad, wenn ich geduscht hab, krabbelte freudig auf meiner Hose, wenn ich durch Youtube stöberte, und schlief an der Wand meines Schlafzimmers. 
Bis eines dunklen, regnerischen Sonntagabends (lasst es mal regnen um der Dramatik Willen), ich war in Eile, klappte gedankenverloren den Laptop zu und fiel todmüde ins Bett, bis ich am darauffolgenden Abend aus meinen Gedanken gerissen, in Schock versetzt wurde und in bittere Tränen brach, als ich den Bildschirm wieder aufklappte und das, was mal mein treuer Gefährte Hugo war, am Screen klebte. No joke, ich hab wirklich für gute zehn Minuten geweint. Mein Herz hat noch immer einen kleinen Riss, da wo Hugo's Platz gewesen ist... 
Eine Beerdigung im Beet gab es auch. 
Es war sehr dramatisch. 
Ruhe in Frieden, Hugo...
Wie dem auch sei, nun lebt Hugo der Zweite seit drei Tagen bei mir, und ich muss sagen, wir freunden uns schnell an! Er ist auch sehr besucherfreundlich und überhaupt nicht aggressiv, sehr stubenrein. Bin sehr zufrieden mit ihm. 
(Ja, ist vielleicht gar nicht so schlecht, das mit der Therapie ;)) 

Abgesehen von Hausfliegen habe ich noch einige andere Vorlieben entwickelt, die mir bei meinem emotionalen und mentalen Frühjahrsputz behilflich sind. 
Da wären zum einen meine Pflanzenfamilie, die monatlich glücklichen Zuwachs und viel zu viel Wasser bekommt, und gehütet wird wie mein Herz und meine Seele. 
Die drei Orchideen auf meiner Fensterbank müssen täglich vor bedrohlichen Gefahren beschützt werden und ich freue mich wie eine Mama über ihr Neugeborenes über ihr wöchentliches Bad in der Spüle. 
(Hugo der Zweite flog gerade an meinem Kopf entlang und wollte Hallo sagen) 
Dann wäre da mein radikaler Umstieg auf eine vegane Ernährung und der Vorfall, als ich meinen wöchentlichen "veganen Karamell Macciato" bestellte, "zum Hier essen" *facepalm*
Außerdem wären da auch noch diese hübschen Lush Badebomben, die so schön ästhetisch auf Instagram aussehen, wobei ich, nachdem ich das Foto gemacht habe, hilflos der Rutschigkeit der Badewanne ausgeliefert bin und mich mit meinen -3 Bauchmuskeln nicht aus der Situation hinaushelfen kann, jämmerlich im Schaum zu ertrinken. 
Aber wenigstens #lushlife. ;) 
Schlussendlich kann ich sagen, dass ich erfolgreich auf dem sicheren Weg zum Öko-Hippie bin, der den ganzen Tag grünen Tee säuft und Chia-Hummus-Brötchen verspeisend in seinen abstrakten Harlem Hosen (ihr wisst schon, diese kitschigen Riesen-Windeln) in Lavendelrauch meditiert. 
Bis dahin hab ich dann auch einen Napf für Hugo den Fünften und Sechsten, sowie ein ganzes Regal voller bunter Orchideen, von denen jede einen Namen trägt. 
Und damit nun ein recht biologisch angebautes und rein pflanzliches Gute Nacht! 





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